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Kellerkind

Aktualisiert: 17. Juli 2023

Der „Elbschlosskeller“ soll eine der härtesten Kneipen Deutschlands sein. „Was die Polizeieinsätze angeht, kann das sein“, sagt Daniel Schmidt. Er muss es wissen, es ist sein Laden. Er ist Teil seiner Familiengeschichte.

Daniel Schmidt im Elbschlosskeller
Foto: Julia Schwendner

Daniel Schmidt, Jahrgang 1984, breite Schultern, selbstbewusster Gang, an den Händen, Armen und Hals tätowiert, ist ein echtes Kiezkind. Mit 14 Jahren beginnt er, die Straßen um die Reeperbahn herum zu erkunden. Mit 18 Jahren steigt er in den „Elbschlosskeller“ ein, seinem Vater Lothar gehört die Kneipe. Sie liegt inmitten des Bermudadreiecks zwischen „Knallermann“ und „Goldener Handschuh“ und ist das, was man eine Absturzkneipe nennt. Hier ist alles ein bisschen extremer – die Lautstärke, der Alkoholpegel, die Emotionen – manchmal auch ein bisschen mehr. 24 Stunden hat der „Keller“ auf, sieben Tage die Woche, und über 70 Jahre lang brauchte es kein Türschloss am Eingang. Corona und der Lockdown haben dieser kleinen Legende ein Ende bereitet. Der „Elbschlosskeller“ ist eine Heimat für viele, die sonst keine andere haben. So mancher und manche bleibt gleich mehrere Tage hier. Das riecht man dann auch. „Das ist nicht immer so, kann aber passieren“, sagt Daniel. Die Gästeschar, die sich im schummrigen Raum vor dem Tresen zwischen Holzmobiliar und Poledance-Stangen versammelt, ist eine ganz eigene. Die Regeln, die hier gelten, sind es auch. „Damals, als ich anfing, rief mein Vater mich zehn Minuten nach Schichtbeginn an. ‚So, du trinkst jetzt einen‘, hat er gesagt. Trinken war Pflicht, Saufen verboten.“ Denn wer säuft, verliert die Kontrolle. So war das. Inzwischen hat Daniel Schmidt seine eigenen Regeln aufgestellt. Er ist Familienvater, hat einen elfjährigen Sohn, drei Hunde und drei weitere Kiezläden, die er mit seiner Frau Susanna führt. Er hat zwei Bücher geschrieben, eines über den „Elbschlosskeller“, eines über den Kiez. „Kein Roman“ steht in der Unterzeile. Leben ohne Filter, das schreibt eh die besten Geschichten. Viele davon haben kein Happy End. Im „Keller“ lernt man Abschied nehmen. Daniels Schwester hat Suizid mit Tabletten und Alkohol begangen, nicht wenige seiner Freunde und Stammgäste sind während Corona verstorben. „An Einsamkeit oder an gebrochenem Herzen“, sagt er. Ihre Bilder hängen mit schwarzem Trauerband versehen im Hinterraum der Kneipe an der Wand, auch sein Vater ist dabei. Unter ihnen, auf Holzbänken, schlafen gern mal Hängengebliebene ihren Rausch aus. Ganz schön viel Schicksal. Selbst einem Daniel Schmidt wird das manchmal zu viel. „Es kann hier sehr witzig sein, ich mag ja diesen betrunkenen Hamburger Schnack. Aber klar, das hier ist nicht die gesündeste Arbeitsatmosphäre.“ Tod, Trauer und Suff sind gute Kumpanen, das kann gefährlich werden, er weiß das. Er hat eine Trauertherapie hinter sich, die Nachtschichten heruntergefahren, versucht, seltener persönlich hinterm Tresen zu stehen. Meist ist er am Freitag vor Ort, wenn die Touristen kommen und Autogramme wollen – von Daniel, dem Kiezwirt in Deutschlands härtester Kneipe. Ein Alphatier mit Herz, ein Mann, der sich engagiert für diejenigen, die nicht mit dem roten Teppich ins Leben gestartet sind, der unter anderem den Verein „Wer wenn nicht wir“ mitgegründet hat, sich um Obdachlose in seinem Viertel kümmert und es damit sogar in die deutsche Ausgabe des Lifestyle- und Fashionmagazins „Vogue“ geschafft hat. Harte Schale, weicher Kern: Du kannst ihn um Hilfe bitten, verscheißern darfst du ihn nicht. Wenn du das tust, ist ganz schnell Schicht im Schacht. Er ist ein Mann der klaren Worte, das kommt bei den Leuten an. Dass er zwischen Absturzkneipe und Dasein in einem Hamburger Einfamilienwohnhaus-Quartier am Waldesrand balanciert, tut seinem Fame keinen Abbruch. „Ich mag es privat ein bisschen spießig“, sagt er. „Ich mag es, den Rasen zu mähen, mache das auch gern für die Nachbarn mit.“ Sein Sohn Len­nox erlebt in Teilen eine andere Jugend als Gleichaltrige, das ist Daniel bewusst. Im Grunde wiederholt sich hier ein Stück weit seine eigene Kindheit. Auch die fand zwischen Kiez und biederem Wohnviertel statt, war jedoch um einiges unsteter. Wünscht er sich, dass Lennox eines Tages den „Elbschlosskeller“ übernimmt? „Wenn ihn das glücklich macht, ja! Ich würde aber mit Argusaugen darauf schauen, dass er nicht anfängt, Dinge zu machen, die ich gemacht habe.“ Er grinst. „Aber ich glaube, der wird eh viel vernünftiger als seine Eltern. Der holt uns hier irgendwann vom Feiern ab.“ Ist das die Zukunft, von der einer der bekanntesten Kiezwirte Deutschlands träumt? Nicht ganz. Feuerwehrmann würde er immer noch gern werden. Oder in zehn Jahren mit seiner Susanna mehrere Monate im Jahr auf Koh Phangan in Thailand leben. In die Insel haben sie sich verliebt. Egal, was davon wahr wird, der „Keller“ ist und bleibt ein Teil von ihm. „Im Grunde macht er dich stärker, weil all das, was du hier siehst, zum Leben dazugehört. Du lernst, das Leben eher zu schätzen.“

Erschienen im Magazin Der Hamburger, Ausgabe 57.

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